Perspektive

Ich tunke den Teebeutel in die Tasse. Was würde
wohl passieren, wenn ich es nicht täte? Wahrscheinlich gar nichts. Alles ist
möglich. Alles? Ich denke schon. Ein Artikel fängt einen Teil meiner Aufmerksamkeit
ein. Ich sollte eigentlich an der Präsentation weiterarbeiten. Gleich. Ich lese
erst einmal. Den Teebeutel muss ich noch aus der Tasse nehmen. Der heiße Wasserdampf
streift meine Finger. Ich drücke den Teebeutel mit meinen Fingern aus. Meine
Hände sind immer kalt, also genieße ich die sich entfaltende Hitze an meinen
Fingerspitzen. Der Teebeutel plumpst neben die Tasse. Der Artikel, du wolltest
den Artikel noch lesen. Die Zahl der Galaxien hat sich bei einem Faktor von
zehn vervielfacht. Das haben neue Beobachtungen ergeben, das steht da. Forscher
aus Nottingham geben mir eine vergessene Perspektive zurück. Was mache ich
hier? Das Universum ist noch größer als angenommen? Was mache ich hier? Welchen
Sinn macht meine Existenz? Es macht keinen Sinn, mir darüber Gedanken zu
machen. Ich existiere im selben Universum, aber bin in einem anderen Leben
gefangen. Mein Körper braucht Nahrung, deswegen gehe ich arbeiten. Könnte ich
auch anders existieren? Was mache ich bloß hier? Warum arbeite ich an dieser
Präsentation über IT-Lösungen? Welchen Beitrag leiste ich? Bleib ruhig. Es
macht einfach keinen Sinn, dass du dich sorgst. Das Universum existiert auch
ohne mich. Natürlich tut es das. Aber du bist ein Teil dessen, ein kleiner Teil
zwar, aber ein Teil nach wie vor. Wer sagt, dass nicht in mir, in all den
Molekülen und Atomen weitere Universen verborgen sind? Dort könnte auch ein
Mann an einem Schreibtisch sitzen und sich fragen, warum er existiert. Hör auf
darüber nachzudenken. Ich will ja, doch es geht nicht. Die Galaxien entfernen
sich auch ohne mich, ohne meine Existenz, ohne mein Handeln weiter voneinander.
Wenn ich an die Unendlichkeit des Universums denke, läuft mein Verstand
rückwärts. Je schneller es sich ausdehnt, desto langsamer läuft mein Verstand.
Er spürt es. Ich spüre es. Verhelfe ich dem Universum nicht zu seiner Größe, indem
ich es denke? Indem ich mit Staunen und der verständigen Begrenztheit meines
Geistes seine Größe bewundere?

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