Postkarte

Ein Mittwoch, ein Dienstag, ein Freitag, ein Tag halt. Heute! Heute jedenfalls saß ich in dem kleinen Café in der Münchstraße, Ecke Liebigweg. Die Bedienung hatte schon wieder mal die Schnauze voll, als sie meine üblich üble Bestellung aufnahm. Welcher Mann trinkt schon Kakao? Der Wanst von Frau Große
kotzt

jetzt schon fast täglich vor die Speiseeistheke. Laktoseintoleranz ist nichts für Kinder. Frau Große versteht das nicht. Abends laufe ich gerne unter den Linden. Prächtige Bäume. Der Boden unter ihnen wird allerdings zur überdimensionalen Klebefalle, sobald es richtig heiß wird. Autos fahren in der Straße kaum, zum Glück. Verkehr gibt’s an der nächsten Kreuzung genug. Die alte Sängerin von gegenüber im dritten Stock scheint ihre Fenster gar nicht mehr schließen zu wollen. Sie stehen jetzt schon den fünften Tag in Folge weit offen. Zur Kaffeezeit brüht sie sich etwas auf und wandelt dann an den herausflatternden Gardinen vorbei. Einer der roten Fensterschleier hatte sich an einem rostigen Haken unterhalb des Fenstersims verfangen. Eine heftige Windböe löste ihn. Ich schaute ihm beim Flattern zu und wurde ganz benommen. Dazu der Gesang ihrer erhabenen Stimme, die im leichten Spiel vom Wind getragen wurde. Silbrige Haare wuchsen aus den Fenstern in die Straße und umgarnten die Linden. Ich trank meinen Kakao aus und ging ganz tief in mich. Ja und dann, dann fand ich nicht mehr hinaus. Seitdem sitze ich dort.

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