Auf einer Demo

(Besuch der ersten Demo in Leipzig im Januar 2015)

– als Erinnerung an das, was vor einem Jahr anfing

Legida. Ein probates
Mittel um ein voll entwickeltes Gehirn abzutreiben. Wir sind auf
einer Demonstration. Eingezwengt zwischen Gleichgesinnten in einer
sonst weitläufigen Einkaufsstraße. Das glaube ich zumindest. Ich
kenne hier zwar keine Sau, aber was soll’s! Sie, wir sind alle für
die Freiheit hier, doch wir haben keinen Meter Platz. Ungewollter
Fremdkörperkontakt. Um uns herum knallen die Schilder aneinander.
Mein persönlicher Favorit, „Deutsche Würger gegen die
Salamisierung des Abendbrotes“ und vielleicht am treffendsten „Wirr
ist das Volk!“. Verdächtig viele Leute heißen hier und heute
Charlie. Ich sehe es auf diversen Pappen und Zetteln geschrieben. Ich
werde gefragt, ob ich auch Charlie hieße. Nein, antworte ich, „je
suis moi“, füge ich hinzu. Mehr kann ich zu diesem Zeitpunkt auch
nicht vertreten. In England wurde ich oftmals gefragt, ob ich Charlie
gesehen hätte. Das war Geheimsprache für, „hast du Koks dabei“.
Ich glaube keiner von den Charlies hier hat was mit Drogen am Hut.
Der Strom zieht weiter und wir kapseln uns ab. Wir wollen dahin wo
richtig was los ist. „Vielleicht gibt’s da ja auf die Fresse“,
höre ich zwei Typen neben uns sagen. Sind wir nicht alle deswegen
hier? Um mal so richtig auf die Fresse zu bekommen oder jemand
anderen auf die Fresse zu geben? Gewalt ist super! Es ist immer noch
eng und wird nur noch enger. Herdentrieb. Alle nach vorne, zur Seite,
nach hinten. Hauptsache da hin, wo kein Platz ist. Meine Hände
berühren Körperstellen an den Leibern mir völlig fremder Menschen,
die ich an meinem eigenen Körper maximal einmal im Jahr berühre.
Viele schweigen, einige der Mitgegen-Demonstraten reden übers Essen
oder über andere voll geile Sachen, wie sie selbst feststellen. Ein
Mann ruft laut, er müsse auf Toilette, Magen-Darm usw. Auf der Bühne
spielt Sebastian Krummbiegel und auf einmal sind alle Anwesenden Fans
der Prinzen. Auch wenn die Prinzen sonst Scheiße sind und sechzig
Euro für ein Konzertticket kassieren. Was da auf der Bühne geredet
wird, ist sicherlich bedeutsam, aber ich verstehe kaum etwas bei dem
ganzen Lärm. Die Lautsprecher sind auf „extra-leise“ gestellt.
Die Menge ist aufgekratzt. Jeder kann sich hier und jetzt einmal
Gehör verschaffen, wenn er mal richtig laut und damit lauter als
alle anderen schreit. Denn wer schreit, hat recht. Immerhin sind ein
paar Blechbläser da, die hin und wieder ein wenig weihnachtliche
Stimmung verbreiten, etwa zwei Wochen zu spät. Ich dachte es könnte
nicht mehr enger werden, doch ich wurde soeben eines Besseren
belehrt. Manche grölen und schreien. Jetzt noch lauter, denn die
Legion der Legida ist endlich da. Das verspätete Weihnachtsgeschenk
für alle Autonomen. Ja, danach hat die Menge gelechzt. Es wird
beschimpft und gepöbelt was das Zeug hält. Fein, wie sie da an uns
vorbeiziehen. Um die Stöcke, die sie sich gerade eben noch aus dem
Hintern gezogen haben, sind fein säuberlich Deutschlandflaggen
gewickelt. Hier und da taucht auch eine Reichsflagge auf. Wohl
geschichtlich interessiert. Buhrufe ertönen aus unseren Reihen. Die
Legidateilnehmer, so schallt es, könnten nach Hause gehen. „Wohnen
die nicht auch in Leipzig“, frage ich mich stillschweigend? Auf der
Bühne wechselt das Mikro wie ein Staffelstab von einem berühmten
Redner zum nächsten. Den Anfang hat Helge Schneider in seinem sehr
gelungenen Burkhard-Jung-Kostüm gemacht. Danach kam die Queen dran,
aber keiner hat sie verstanden. Luke Skywalker und der Dalai Lama
waren eine echte Aufmunterung. Zwischendurch immer wieder Posaunen
wie Fanfarenstöße. Ein Mann mit einem Kopf wie ein Hering wird
nicht ans Rednerpult gelassen. Etwa einen Kopfsteinplasterwurf von
uns entfernt spazieren die Legidamenschen munter weiter. Ich bin
erstaunt, dass alle von ihnen den aufrechten Gang beherrschen. Sie
laufen sogar alleine, ohne sich gegenseitig anzufassen oder stützen
zu müssen. Das Gröhlen und Pfeifen in unseren Reihen geht weiter.
Manchmal heißt es auch „Scheiß auf die Polizei“. Der Mann der
Durchfall hat und unbedingt aufs Kloh musste, ist zum Glück nicht
mehr da. „Haut ab, haut ab, haut ab“ schmettert es den Legidisten
und Legidistininnen weiter entgegen. Ich nutze die kurzen Pausen
zwischen den triolischen Schlachtrufen und setze voraus, „Zieht
ihnen die“. Alle um mich herum lachen. Ha ha ha! Lustig! Ach, wie
lustig! Die Tante, die jetzt auf der Bühne spricht, erzählt
irgendetwas von „wir dürfen einander nicht ausgrenzen und müssten
die Legida zum Dialog auffordern“. Neben mir grummelt es, „nö,
das ist ja doof“. „Richtig, richtig“, sage ich zu mir, „seit
wann hat denn eine offene und friedliche Diskussion schon
irgendjemanden etwas gebracht.“ Gut, dass die Polizei den Waldplatz
so ordentlich abgesperrt hat. Wir stehen hier und die anderen gehen
da drüben. Eine Viehherde hier, die andere da drüben. Wer wird uns
bloß zum Schlachter führen, wenn wir ihm genug Vertrauen schenken?
Die Demonstrationen seien jetzt zu Ende tönt es von der Bühne und
der Betreiber sagt, „nächsten Montag wieder, denn wir sind die
Guten.“ Ja, wir sind die Guten und die Macht ist mit uns. Wusch!
Unser Raumschiff zischt mit superhoher Geschwindigkeit zurück auf
den Mond, wo alles schwarz weiß ist.

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