Antarktika

(Erzählungen resultierend aus spontanen Kopfschmerzen – Nr.1)

Meine Augenlider lagen zu dieser Zeit in der Schatulle neben meinem
Bett. Dort pflegte ich sie immer aufzubewahren, wenn die Sonne nicht
schien. Ich glaube, es war der letzte Sonntag nach Neujahr, an diesem
Tag kam er zu uns. Mein beharrlich weißer Blick hatte ihn bereits
aus mehreren hundert Kilometern Entfernung erfasst. Auf seinem Rücken
trug er das Haus eines Fremden. Sein langer roter Mantel flatterte im
Wind. Schwer zu sagen, ob er die Glaskugel selbst in seinem Mund
gelegt hatte. Sie splitterte auf jeden Fall fürchterlich, als er sie
zerbiss und zu reden begann. Das Blut mischte sich in seine Worte
und hervor trat eine Wahrheit. Es war eine große und alles
verschlingende Wahrheit, daran erinnere ich mich sehr genau. Sie
zerwühlte meinen Verstand mit großem Eifer. Meine Gedanken zogen
aus in seiner Schusslinie zu verweilen. Sein Kopf selbst allerdings
schien in Klammern gesetzt. Mit jedem Tag sanken meine Füße etwas
tiefer in das Eis. Das Laufen fiel mir sehr schwer. Die
Ausrufezeichen, die sich hinter ihm reihten, ignorierte ich zu unser
aller Bedauern. Wie oft versicherte er mir doch er wäre ein Pilot
des sinnlichen Friedens. Sein Leben lang hatte er die verbrannte Erde
seiner Heimat verspeist. Genuss war ihm, wie auch mir, ein Rätsel.
Einst war er der Freiheitsstatue gefolgt, aber sie hatte „Nein“
gesagt. Ich trug zu diesem Zeitpunkt schon meine zehnte Uhr. Sie war,
wie ein jedes ihrer Vorgängermodelle, kaputt. Säuberlich reihten
sie sich eine nach der anderen an meinem linken Arm. Ein jedes Mal,
wenn er die Schwelle unseres Hauses überschritt, tobte der Gelbhund
unnachgiebig in seinem Loch. Zähnefletschend und bellend, grub er
sich dabei immer tiefer in den Berg. Es dauerte einige Monate bis er
wieder an die Oberfläche kam. Schließlich tauschten Ruben und ich
unsere Hände aus. Trauer überkam mich, als mir bewusst wurde, dass
ich von diesem Zeitpunkt an mit zwei linken Händen zu leben hatte.
Meine böse Vorahnung verschwand genauso sacht und leise, wie sie
gekommen war. Er hatte mir meine Rechte genommen. Ich versank ganz,
nur um auf der anderen Seite dieser Welt eine neue Nacht zu erblicken. Zum Rennen
wäre das Eis da draußen ohnehin zu dünn gewesen. Es dauerte eine
Weile bis ich wieder große Distanzen laufen konnte. Heute lebe ich
wieder in Antarktika.

-SN

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