Wer zuletzt lacht, lacht am alleinsten

Uli Hoeneß
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Stadtgesicht

Gehe ich in die Stadt hinauf, hinaus hinaus in die befreite Welt. Dann lege ich mein Stadtgesicht auf. Es ist eine alte Schallplatte
mit knarzigem Ton. Meine schlanken Seiten springen und klingen, ich schwirre durch die
Teerwege hinfort. Hinfort zu keiner Liebsten. Ich beiße mir auf die Zähne, damit mein Kiefer voluminöser
erscheint. Beiß Beiß! Die Zähne sind nach innen gefletscht, da wo es weh tut. Die Brauen sinken nach unten, auf ein angemessenes Maß. Die Augen verdunkeln sich. Der Blick soll stechen. Stich Stich! Es wird nicht geblinzelt! Der Mund ist geschlossen, würdevoll, leichter Druck auf die Lippen.
Ein Strich im Gesicht! Die Nüstern klappen ein, sie klappen aus. Kräftige und
entschlossene Atemzüge. Rein und Raus! Mein furioses Haar stelle ich auf, ein gereiztes Tier. Sollen sich an meinen
Strähnen Blut schneiden, wer sie berührt. Meine Wangenknochen schiebe ich leicht nach vorne, dann zwei
Zentimeter zu jeder Seite. Die Ohren werden angelegt. Ganz einfach! Meine Zunge liegt lauernd hinter dem Tor aus Beißern.
Angriffsbereit. Schau, da starren sie. Da glotzen sie. Gesichter, Gesicht—ER, Gesicht—SIE. Alle haben eines, doch
benutzen sie es? Augen sind nicht die Tore zur Seele, sie sind nur
Kloakenrohrendstücke für dämliche Vermutungen und ewig nie
gesagte Sätze der Einfältigkeit. Knautschige Gesichter voller unbegründetem Argwohn, dummen Misstrauen, sinnentleerten Gedanken, hässlichen Fantasien, lästigen
Vorurteilen. Alte Mitbürger starren immer besonders feste. Man sollte öfters an
sie herantreten und sie fragen, ja fragen sollte man sie: „Hab ich
Dreck im Gesicht? Hä? Hab ich Dreck im Gesicht? Hmm, sagen sie
schon? Ist da etwa Dreck in meinem Gesicht, sie vertatterter alter
Butwürger!“ Es ist Montagmorgen. Schon bald ist es jeder Tag in der Woche. Eine Stunde ist vergangen und schon wieder, schon wieder bin ich ein Jahr älter
geworden.

-SN

Wind vor Glut

P { margin-bottom: 0.21cm; }

Diplomhuren und bezugsfertig demolierte Häuser

Trauter Schein Glück allein der Maulwurf im Hinterhof hat sein Zelt
Dicke Frauen bestimmen das Geschick dieser Welt
Zaster, Moneten, Tapeten, Einwegliebelei
Kröten die Flöten tragen wagen es nicht zu sagen, dass
Wachsmalstifte gut schmecken
Wir alle sollten auf und ab an Straßenlaternen lecken
Hand auf den Tisch und Wasser ins Herz
Die Glut wird nicht ewig unter dem Vordach der Eifersucht brennen
I respektiere Vaginas
Frigmund Seud verzagt mir das
Aber man hört so Einiges, wenn man in einem Schweineschädel Parasit
spielt

-SN

Ich poste was, was du nicht postest

Sankt Nimmerleins Großvater mütterlicherseits, der am 03.08.1923 in Cheb geboren wurde, sein ganzes Leben damit verbrachte, Fallobst an die Äste der Bäume von denen es gefallen war, zu kleben, währenddessen er Kreise als kümmerlichste Form der Geometrie verdammte, nur um 80 Jahre später in einem Weiher vor seinem Haus zu ertrinken. Der Weiher war einen halben Meter tief. Wie wir alle feststellen mussten, war er starker Alkoholiker.

Gründgüsütz für dü Bündüsrüpüblük Dütschlünd -Prüümbül

Üm Büwüßtsün sünür Vürüntwürtüng vür Gütt ünd dün
Münschün,
vün düm Wüllen büsült, üls glüchbürüchtügtüs
Glüd ün ünüm vürüntün Ürüpü düm Früdün dür Wült zü
dünün, hüt süch düs Dütschü Vülk krüft sünür
vürfüssüngsgübündün Güwült düsüs Gründgüsütz gügübün.

Dütschün ün dün Lündürn Büdün-Württümbürg, Büyürn,
Bürlün, Bründünbürg, Brümün, Hümbürg, Hüssün,
Mücklünbürg-Vürpümmürn, Nüdürsüchsün, Nürdrhün-Wüstfülün,
Rhünlünd-Pfülz, Süürlünd, Süchsün, Süchsün-Ünhült,
Schlüswüg-Hülstün ünd Thürüngün hübün ün früür
Sülbstbüstümmüng dü Ünhüt ünd Frühüt Dütschlünds
vüllündüt. Dümüt gült düsüs Gründgüsütz für düs güsümtü
Dütschü Vülk.

Das Vorurteil

Das Vorurteil sollte frei von Wahrheit, Nach- sowie Weitsicht und vor
allem guten Absichten sein. Beißend im Geschmack und ätzend im
Abgang eignet es sich sowohl für den fettarschigen, arbeitsscheuen,
stinkenden, unterbelichteten Hartzer, als auch für den
narzisstischen, gefühlskalten, geldgeilen, blutsaugenden
Geschäftsmann. Ein gutes Vorurteil verletzt den Betroffenen sofort,
ohne ihm viel Spielraum für die ja so hochgeschätzte berechtigte
Gegenrede oder gar absolut treffende Argumente zu liefern. Je
potenter das Vorurteil desto lauter der Knall. Das Vorurteil pflanzt
sich im Mundwinkel klebend fort und hinterlässt ein transparentes
Sekret, auch unsichtbarer Zucker genannt. Die größte Stärke des
Vorurteils ist seine universelle Utilisation. Vorurteile helfen uns
unsere Welt zu kategorisieren. Jeder Mensch hat sie, jeder Mensch
braucht sie. Vorurteile sind in Smalltalks ebenso gut zu gebrauchen,
wie als Vorlage für allerlei Schabernack und Witzeleien über
Menschen, die man noch nie gesehen hat. Eine Warnung noch am Ende: Vorurteile verursachen Krebs.

-SN

Antarktika

(Erzählungen resultierend aus spontanen Kopfschmerzen – Nr.1)

Meine Augenlider lagen zu dieser Zeit in der Schatulle neben meinem
Bett. Dort pflegte ich sie immer aufzubewahren, wenn die Sonne nicht
schien. Ich glaube, es war der letzte Sonntag nach Neujahr, an diesem
Tag kam er zu uns. Mein beharrlich weißer Blick hatte ihn bereits
aus mehreren hundert Kilometern Entfernung erfasst. Auf seinem Rücken
trug er das Haus eines Fremden. Sein langer roter Mantel flatterte im
Wind. Schwer zu sagen, ob er die Glaskugel selbst in seinem Mund
gelegt hatte. Sie splitterte auf jeden Fall fürchterlich, als er sie
zerbiss und zu reden begann. Das Blut mischte sich in seine Worte
und hervor trat eine Wahrheit. Es war eine große und alles
verschlingende Wahrheit, daran erinnere ich mich sehr genau. Sie
zerwühlte meinen Verstand mit großem Eifer. Meine Gedanken zogen
aus in seiner Schusslinie zu verweilen. Sein Kopf selbst allerdings
schien in Klammern gesetzt. Mit jedem Tag sanken meine Füße etwas
tiefer in das Eis. Das Laufen fiel mir sehr schwer. Die
Ausrufezeichen, die sich hinter ihm reihten, ignorierte ich zu unser
aller Bedauern. Wie oft versicherte er mir doch er wäre ein Pilot
des sinnlichen Friedens. Sein Leben lang hatte er die verbrannte Erde
seiner Heimat verspeist. Genuss war ihm, wie auch mir, ein Rätsel.
Einst war er der Freiheitsstatue gefolgt, aber sie hatte „Nein“
gesagt. Ich trug zu diesem Zeitpunkt schon meine zehnte Uhr. Sie war,
wie ein jedes ihrer Vorgängermodelle, kaputt. Säuberlich reihten
sie sich eine nach der anderen an meinem linken Arm. Ein jedes Mal,
wenn er die Schwelle unseres Hauses überschritt, tobte der Gelbhund
unnachgiebig in seinem Loch. Zähnefletschend und bellend, grub er
sich dabei immer tiefer in den Berg. Es dauerte einige Monate bis er
wieder an die Oberfläche kam. Schließlich tauschten Ruben und ich
unsere Hände aus. Trauer überkam mich, als mir bewusst wurde, dass
ich von diesem Zeitpunkt an mit zwei linken Händen zu leben hatte.
Meine böse Vorahnung verschwand genauso sacht und leise, wie sie
gekommen war. Er hatte mir meine Rechte genommen. Ich versank ganz,
nur um auf der anderen Seite dieser Welt eine neue Nacht zu erblicken. Zum Rennen
wäre das Eis da draußen ohnehin zu dünn gewesen. Es dauerte eine
Weile bis ich wieder große Distanzen laufen konnte. Heute lebe ich
wieder in Antarktika.

-SN